Angriff ist die beste Verteidigung…
Es sieht ganz danach aus, als beruhe die derzeitige Strategie der Nato auf einem schlechten Scherz. Mindestens gründet sie aber auf einem riesigem Missverständnis: dem, das nach dem Zusammenbruchs des Ostblocks- des Warschauer Vertrages- nur der Nato- Westblock der übrig geblieben wäre und sich der ganze Erdball diesem anbiedern und auf seine Wünsche eingehen würde. Zunehmend gerät sie jedoch in die Defensive. Auch Liberale halten dagegen…
Der Auftrag der Nato
Der Sinn, den sich diese Nordatlantische Organisation immernoch gibt, ist nicht einfach nur Frieden herzustellen, sondern die eigene Definition von Frieden durchzusetzen. Diese besteht in erster Linie darin, ihren Mitgliedsstaaten und ihrer kapitalistischen Ordnung einen Vorteil zu verschaffen. Sie fungiert als militärischer Arm dieses umfassenden Machtanspruches. Mit militärischen Interventionen in Afghanistan und im Irak sollen Rohstoffe und ihre Lieferbarkeit für die Unternehmen gesichert werden. Zum einen indem nationale Mächte verdrängt werden; zum anderen, indem mittels sogenannter „humanitärer Interventionen“ und Wiederaufbauprogrammen „perfekte kapitalistische Staaten“ geschaffen werden sollen. Beispielsweise hat die Übergangsverwaltung im Irak sehr schnell verschiedene Verfügungen erlassen. Darunter befanden sich die völlige Privatisierung staatlicher Unternehmen, volle Besitzrechte ausländischer Firmen an irakischen Betrieben, die Öffnung irakischer Banken für ausländische Kontrollen und die Gleichbehandlung von ausländischen Firmen gegenüber irakischen. Es wurden zu Beginn der Besatzung nahezu alle Handelsbarrieren abgebaut. Dazu kam ein Verbot von Streiks und einer Einschränkung gewerkschaftlicher Organisierung.
Die alte Ordnung in der Krise
Wenn wir uns das Bild der Gewalt vor Augen führen, erhalten wir den Eindruck von erdrückend großer, unheimlicher Macht. In der Tat ist diese Konzentration von Kraft und Kapital in den Händen der Nato beängstigend. Das „Ende der Geschichte“ ist es aber noch nicht. Im Gegenteil. Zum einen interessieren sich die Natomitglieder zunehmend für unterschiedliche Dinge. Die USA nutzten das Militärbündnis stets für ihre eigenen Zwecke und erkannten darin ein geeignetes Mittel, um die Kosten sowie die logistischen Aufgaben auf die Mitglieder gleichmäßig verteilen zu können. Aber es war eben nur eine Koalition der willigen Natomitglieder, die in den Irak einmaschiert ist. Das heißt, es gab andere Natomitglieder, die dagegen waren.
Zum anderen entstehen große regionale Gegengewichte wie Russland, China, Indien und die „bolivarischen“ Lateinamerikanischen Staaten. Im Georgienkrieg 2008 musste die Nato mit ansehen, wie der Natoanwärter Georgien von der Regionalmacht Russland in die Schranken gewiesen wurde. Ein weiteres Beispiel ist der große russische Widerstand gegen ein europäisches Raketenabwehrsystem und der Drohung selbst Raketen an seiner Westgrenze zu stationieren. Die Entscheidungen sind hier noch nicht gefallen. In den 90er Jahren wäre diese Machtdemonstration Russlands noch undenkbar gewesen.
Die Natostruktur erscheint immer mehr als ein veraltetes Bündnis, das seine eigentliche Grundlage, die enorme wirtschaftliche Überlegenheit seiner Mitglieder – vor allem der USA- über den Rest der Welt, verliert.
Welcher Widerstand?
Diesen Zusammenbruchserscheinungen der wirtschaftlichen Grundlage folgt nun ein Verlust an Fähigkeit zur Integration opppositioneller Meinungen. Nicht nur zwischenstaatlich, wie an den „eigenmächtigen“ Handlungen Russlands und der lateinamerikanischen Staaten sichtbar wird, sondern auch innerstaatlich, praktisch vor unserer Haustür. Die herrschende Ordnung verliert hier zu Lande zunehmend an Gefolgschaft, insbesondere in den jüngeren Generationen. Die Globalisierungskritische Bewegung richtete sich gegen die Nato-Globalisierung. Internationale Gipfeltreffen wurden permanent von heftigen Protesten begleitet. So wie es die Aufgabe der Nato ist, die Bedrohung oder den Verlust an ökonomischer Macht durch militärische Aktionen auszugleichen, so wird in ihren Mitgliedsstaaten auch nach innen zunehmend Repression als Mittel der Kontrolle angewendet. Das bedeutet auch, dass der Widerstand gegen den Natogipfel der in der Woche um den 3. und 4. April stattfindet, wiedereinmal unter erschwerten Bedingungen ablaufen wird. Demokratisch legitmierte Proteste werden wie beim G8 Gipfel in Heiligendamm als illegal dargestellt werden. Die polizeilichen Reaktionen werden dank neuer Gesetze noch heftiger ausfallen.
Diese Vorgänge sind schrecklich. Sie sind jedoch nur eine Demonstration der Macht. Das bedeutet, dass die Bereitschaft dieser Kraft zu folgen schwindet. Nicht nur die Nato, sondern die gesamte Ordnung des ehemaligen Westblocks befindet in einer Krise. Die „G8“ verlieren zunehmend an Bedeutung. Der IWF soll reformiert werden. Die Arbeit der Nato wird immer offener auch von Liberalen, besonders seit dem Irakkrieg in Frage gestellt. Die FDP fordert beispielsweise eine Rückbesinnung auf den „Doppelcharakter der NATO“ als „Bündnis für Vertrauensbildung, Abrüstung und friedlicher Konfliktlösung“, aber auch als Organ „der solidarischen Verteidigung der Freiheit“ der Mitgliedsstaaten.
Die Schwäche dieser Ordnung kann nicht im Interesse des Kapitals liegen. Die beiden letzten Interventionen von Natostaaten in Afghanistan und Irak waren und sind für die kapitalistische Ordnung eine einzige Katasthrophe. Der Widerstand in Afghanistan gewinnt Tag für Tag an Kraft. Das eigentliche Ziel des Einsatzes im Irak, die Lieferbarkeit von Öl zu sichern und so den Erdölpreis niedrig zu halten, wurde verfehlt, denn die Preise für Öl waren nach dem Krieg durchschnittlich viel höher als zuvor. Von einer stabilen Ordnung ist die Region weit entfernt. Die Nato scheitert also immer öfter immer offensichtlicher. Sie ist zunehmend auf Kooperation von ausserhalb angewiesen. Auch wenn die Nato in dieser Art nicht weiter existieren sollte,
die tagtägliche Ausbeutung wird in anderer Form weiter gehen.
Unsere Aufgabe muss es sein die liberale Kritik an der Nato zu entlarven und dieser eine revolutionäre Perspektive entgegenzustellen. Ihr Einsatz gegen die Nato und für die Menschenrechte ist wieder nur ein neuer Versuch die kapitalistische Ordnung zu stabiliseren und Ruhe herzustellen.
Der kapitalistische Traum einer perfekt ausbalancierten, friedlichen, multilateralen Ordnung selbst ist und bleibt nur ein Traum. Der Grund dieser Konflikte und Veränderungen ist nicht allein die neokonservative Politik von George W. Bush (so wurden die Konflikte nur weiter geschürt), sondern im wesentlichen Ergebnis der kapitalistischen Produktionsweise. Bevor diese nicht gestürtzt ist dürfen wir nicht aufgeben!